Der suggestive Blick

ZDF.de, 17. September 2004
Von Frank Vorpahl

Scarlett Johannsons Erfolgsrezept
Sie ist jung, schön und erstaunlich erfolgreich: Scarlett Johansson defilierte bei der letzten Oscar-Verleihung selbstbewusst über den roten Teppich und schaffte es jetzt - kaum zwanzigjährig - in die Jury des Filmfestivals von Venedig.

Da kommt sie: die neue Göttin am Kinohimmel. Sieht sie nicht aus wie Marilyn Monroe? Oder doch wie Catherine Zeta-Jones? Nein? Madonna - natürlich. Wie sie das nur hinkriegt: all die großen Diven mit ihren kleinen Gesten. Dabei ist Scarlett Johansson erst 19. Wirklich 19? Wow.

Eine Liebeserklärung
Die Modebranche kann jedenfalls gar nicht genug von ihr kriegen. Aber interessiert sich wirklich jemand für die Kleider? Das Tollste an der schönen Scarlett: Sie ist auch noch gegen Präsident Bush. Wer kann da widerstehen? Nehmen wir nur mal die letzte Woche, Scarlett sitzt in der Jury beim Filmfestival von Venedig. Immer diese endlosen Pressekonferenzen. Aber dann plötzlich passiert doch noch was Aufregendes - eine Liebeserklärung vor laufender Kamera: Wie süß. Wird sie etwa verlegen? Hat sie denn keine Ahnung, wie vielen Männern sie den Schlaf raubt?

"Es sind ihre Lippen," sagt Peter Webber, Regisseur von "Das Mädchen mit dem Perlenohrring". "Sie hat diese ausgeprägten Lippen, die wirklich erstaunlich sind. Sie sind sehr reif und ausdrucksstark. Und sie wirken phantastisch auf der Leinwand."

Ohne Text spielen
Aufgefallen ist Scarlett schon mit 12, an der Seite von Robert Redford. Eigentlich wollte sie nur auf die Bühne - landete aber in einer dramatischen Rolle. Im "Pferdeflüsterer" spielt sie ein Mädchen, das bei einem Unfall ein Bein verliert. Und Robert Redford merkt: Dieses Mädchen kann ohne Text spielen.

"Anfangs war ich sehr nervös wegen des ganzen Trubels," gibt die junge Schauspielerin zu. "Aber dann habe ich gemerkt, dass ich mein Gefühl steuern kann. Das lief gut - und war auch ganz merkwürdig."

Ein Bisschen zu cool?
Inzwischen weiß man nicht mehr so genau: bevorzugt Scarlett die großen Stars, oder zeigen die sich gern mit ihr? Irgendwie lässt sie die reiferen Herrn reihenweise schwach werden. Die zeigen sich gar nicht selten irritiert: Warum kann man bei der Kleinen nicht landen? Ist sie nicht ein bisschen zu cool?

Und Scarlett? Kriegt sie alle. Ist doch ihr Job, alles zu versprechen. "Sie verkörpert etwas sehr Anziehendes: diese aufregende Mischung aus Mädchen und Frau. Die Mischung aus Unschuld und Erfahrung, aus Unberührtheit und sexuellem Erwachen. Bei Scarlett kann man diese Verwandlung fühlen," meint Regisseur Webber.

Ein Leben im Jet-lag
Doch mehr als ein Versprechen gibt sie in keinem ihrer Filme. Ein bisschen Lolita - ja. Aber alles andere bleibt in der Schwebe. Irgendwie ruft sie unsere Erinnerung wach an das erste Verliebtsein. An Wärme und Nähe. An Nächte, in denen man sich alles erzählt.

Im Moment probiert Scarlett Johannson ein Leben im Jet-lag, jagt von einer Rolle zur nächsten: "In Tokio fühlte ich mich total verloren - und ich glaube, genau das spürt man auch in dieser Liebesgeschichte zwischen zwei merkwürdig verlorenen Gestalten. Von dort ging es dann ab ins 17. Jahrhundert. Ich war genauso durcheinander wie das Mädchen auf der Leinwand."

Stumme Szenen
Der Maler Vermeer und sein Modell: Nur scheue Gesten, Blicke, Innehalten. Eine Leidenschaft, die sich in fast stummen Szenen entwickelt. Die spannende Frage: Wann bricht das dünne Eis, auf dem sich die heimlich Verliebten bewegen. Scarlett Johanssons bislang stärkste Rolle.

Und für den Regisseur eine 90-Minuten-Studie ihres Gesichts: "Es gibt eine erstaunliche Szene in dem Film," erzählt Webber, "als Vermeer dem Mädchen mit dem Perlohrring das Ohrläppchen durchsticht. Wir haben das dreimal gedreht - und ich fand: 'Prima, das war's.' Aber Scarlett meinte: 'Lass uns noch eine versuchen.' Und da - aus dem Nichts heraus - leuchtete ihr Gesicht plötzlich auf und eine einzelne Träne löste sich und lief über ihre Wange. Für mich der magischste Moment im ganzen Film."

Medienstar
Entweder du bist eine gute Schauspielerin - oder der Medienstar - heißt es in Hollywood. Die Neunzehnjährige schafft spielend beides.

Das Mädchen mit dem Perlenohrring - Kinostart: 23. September 2004

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