Ein Mädchen namens Scarlett

Welt.De, 22. September 2004
Von Matthias Heine

Am Anfang war sie die weltverlorene Schönheit in "Lost in Translation". Jetzt kommt Scarlett Johansson als rätselhafte Muse des Malers Vermeer in die Kinos. Eine 19-Jährige und ihr Aufstieg zur neuen Stil-Ikone Hollywoods

Es gibt welche, die misstrauen ihren Lippen. Sie sagen, Scarlett Johanssons Mund sei ein bisschen zu hervorstechend und sehe aus wie das Ergebnis eines genetischen Transfers zwischen Angelina Jolie und einer Lastwagenstoßstange. Es gibt allerdings gute Gründe, an die Echtheit von Johanssons Lippen zu glauben. Das wichtigste Argument ist der Robert-Redford-Film "Der Pferdeflüsterer", wo sie ein nach einem Reitunfall traumatisiertes Mädchen spielte. Da war sie erst zwölf und hatte schon den Mund von heute. Selbst in dieser perversesten aller Welten können wir nicht daran glauben, dass sich zwölfjährige Mädchen die Lippen aufspritzen lassen. Heute vielleicht, aber 1997 noch nicht.

Außerdem kommt Hollywoods derzeit heißeste Jungschauspielerin nicht aus der operationswütigen Hedonistenszene in Kalifornien, sondern aus dem skeptischen New York. Schon mit acht stand sie an der Seite Ethan Hawkes in "Sophistry" auf einer Bühne - und Mr. Hawke, einer der letzten aufrechten Streiter für die aufrichtige Darstellungskunst, würde gewiss niemals mit einem operierten Monsterkind Theater spielen.

Die Lippendebatte ist auch deshalb müßig, weil die heute 19-Jährige mit der Großaufnahme eines ganz anderen Körperteils berühmt wurde: Am Anfang des Oscar-gekrönten Films "Lost in Translation" sieht man zunächst nur eine Rückenansicht von Scarlett Johansson, die auf dem Bett liegt und einen rosa Schlüpfer trägt. Es kostete die Regisseurin Sophia Coppola harte Arbeit, ihre Hauptdarstellerin davon zu überzeugen, dass diese Aufnahme sie nicht peinlich aussehen lassen würde. Frau Coppola musste sich zunächst selbst in der Schlüpferpose präsentieren, damit Johansson sich von der subtilen Erotik dieses Anblicks überzeugen konnte. Das Potenzial zur zickigen Diva hat sie also.

Spätestens seit ihrem zweiten Erfolgsfilm "Das Mädchen mit dem Perlenohrring", der morgen auch in Deutschland startet, ist Hollywood heiß auf Johansson. Sie identifizierte sich so sehr mit Griet, einer jungen Magd im Hause des berühmten holländischen Barockmalers Johannes Vermeer, dass irgendwann die Grenzen der Realität verschwammen: "In der Szene, wo Griet beobachtet, wie Vermeer und seine Frau Catharina sich liebkosen, empfand ich körperliche Schmerzen."

Dieses gefährliche Talent zur Verschmelzung der Realitäten half ihr wohl auch bei einer Schlüsselszene des Films: Da wird Johansson eins mit dem Mädchen, das Vermeer auf seinem berühmtesten Gemälde porträtiert hat. Sie sagt nichts, sie bewegt sich nicht, sie verwandelt sich nur - dabei sieht sie dem Vermeer-Bild nicht mal ähnlich. "Das ist Schauspielerei", sagt ihr Regisseur Peter Webber.

Diese Fähigkeit, mit wenig Aufwand an Bewegung und Worten eine größtmögliche Ausstrahlung zu erzielen, wird von Kritikern gern mit der Aura eines Stummfilmstars verglichen. Mittlerweile schätzt man das auch außerhalb der Kinobranche und bezahlt es gut. Calvin Klein hat Johansson als Reklamemodell für das Parfüm Eternity verpflichtet, für das auch schon Kate Moss warb. Sie fühlt sich geehrt: "Es gibt eine Reihe so beeindruckender Schönheiten, die für diese Produkte werben. Da konnte ich dieses Angebot doch unmöglich abschlagen, oder?"

Über das Stilempfinden der jungen Dame sind sich sehr unterschiedliche Instanzen einig: Der "Spiegel" lobt sie dafür, dass sie so sophisticated ist, in einem Londoner Club eine Motto-Party zum Thema "Vom Winde verweht" zu veranstalten, und die Gala begeistert sich darüber, wie würdevoll und selbstverständlich sie Abendkleider von Prada tragen kann.

Die Tochter eines dänischen Vaters und Enkelin eines Schweden, die einen Zwillingsbruder namens Hunter und noch zwei ältere Geschwister hat, steht endgültig vor dem Durchbruch aus der überschaubaren Independent-Filmszene in jene Sphäre der Prominenz, die normalerweise Kassenknüllerköniginnen wie Julia Roberts vorbehalten ist. Sie ist aber keineswegs ein Zwei-Hit-Wunder, das über Nacht aus dem Nichts an den Sternenhimmel katapultiert wurde. Im Gegenteil sie arbeitet schon seit zehn Jahren an ihrer Kinokarriere. Den allerersten Auftritt hatte sie keineswegs, wie oft behauptet, im "Pferdeflüsterer", sondern schon 1994 in Rob Reiners Film "North". Zu den bekannteren ihrer mittlerweile 23 Filme gehören "The Man Who Wasn't There" von den Coen-Brüdern und Terry Zwigoffs "Ghost World".

Sie sagt, dass sie aggressiv wird, wenn sie länger als einen Monat nicht arbeitet. Die Gefahr besteht nicht mehr: Gerade hat sie die Lady Windermere in Mike Barkers Oscar-Wilde-Verfilmung "A Good Woman" gespielt und im neuen Woody-Allen-Film eine Hauptrolle übernommen, außerdem leiht sie der Zeichentrickfigur Mindy in "Sponge Bob" ihre Stimme. Und im nächsten Jahr kommt sie für "Mission Impossible 3" als Partnerin von Tom Cruise sogar nach Berlin und Potsdam-Babelsberg. Schon jetzt bereitet sie sich eifrig mit Liegestützen darauf vor.

Doch danach folgt der wahre Test. Dann verfilmt Brian De Palma den Kultkrimi "Die schwarze Dahlie" von James Ellroy über eine Gelegenheitsprostituierte, die als Opfer eines der rätselhaftesten und grausamsten Verbrechen der vierziger Jahre berühmt wurde. Das ist ein riskantes Projekt, denn Ellroys größenwahnsinnige Romane galten lange als unverfilmbar und der Autor hat eine weltweite Kultgemeinde, gerade unter Kritikern und Mediensnobs, die päpstlich darüber wachen wird, was De Palma, Johansson & Co mit ihrem heiligen Buch anstellen. Sollte diese einflussreiche Sekte ihren Bannfluch aussprechen, könnte Scarlett Johansson möglicherweise bald den traurigen Weg der Gwyneth Paltrow gehen. Die kam genau wie sie aus dem Independent-Film und galt irgendwann als neue Stil-Ikone Hollywoods. Das war vor fünf Jahren. Mittlerweile ist Paltrow nur noch das Gespenst ehemals großer Hoffnungen und wird von amerikanischen Komikern als das Musterbeispiel einer Ex-Prominenten verspottet.

Auch das Schicksal einer anderen Vorgängerin sollte Scarlett Johansson eine Warnung sein: Mit Jennifer Lopez hat sie nicht nur die etwas nervige Angewohnheit gemein, ihre prominenten Liebhaber (Jude Law, Jonathan Rhys-Myers) häufig zu wechseln und dann viel darüber zu reden - Benicio Del Toro soll sie bei der Oscar-Verleihung sogar im Fahrstuhl nahe gekommen sein.

Sie tritt nun auch bei Louis Vuitton in die Fußstapfen von Frau Lopez und löst die etwas aus der Mode gekommene Latin-Diva als Werbe-Ikone für das Taschenimperium ab. Dafür bekommt sie angeblich fünf Millionen Dollar. Mehr als für die meisten ihrer Filme bisher. Aber es ist auch eine ziemlich luxuriös verpackte Mahnung daran, wie schnell man wieder weg vom Fenster sein kann.

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