Scarlett Frechheit siegt

InStyle, Oktober 2004
Von Roland Huschke

Scarlett Johansson ist erst neunzehn und in Hollywood schon ein Superstar. Dank ihrer grossen Klappe und ihres noch grösseren Talents

Bei manchen Frauen kommt man aus dem Staunen einfach nicht mehr raus. Scarlett Johansson ist so eine Frau. Man sitzt ihr gegenüber und fragt sich unentwegt: Wie macht die das bloss? Sie ist doch erst 19? Wie kann es sein, dass jemand in diesem zarten Alter so geistreich, so zielstrebig, so sexy, so reif und so unendlich erfolgreich ist? 21 Filme hat sie bisher gedreht und gleich zweimal war sie dieses Jahr für den Golden Globe nominiert - mit "Lost in Translation" und der Literaturverfilmung "Das Mädchen mit dem Perlenohrring" (Kinostart: 23. September). Seitdem wird sie von Regisseuren wie Woody Allen ebenso selbstverständlich engagiert wie von Calvin Klein und Louis Vuitton für Modekampagnen gebucht - wegen ihres Femme-fataleLooks. Und noch ein Punkt zum Staunen: ihr grosses Mundwerk (womit nicht etwa ihre wunderschönen Lippen gemeint sind)! Beim Interview im "Dorchester Hotel" in London lässt Scarlett Johansson eine blitzgescheiten Frechheit nach der anderen Ios ...

Als Sie mit 13 "Der Pferdeflüsterer" drehten, sagte Robert Redford, Sie wirkten wie 30. Unverschämtheit oder Kompliment?
Kompliment natürlich! Er wollte sagen, dass ich eine weise Seele in einem jungen Körper habe und ausserdem noch charmant, smart und witzig bin. Und wer bin ich, dass ich Robert Redford zu widersprechen wagte! (lacht) Die Erklärung für seinen Kommentar ist ja auch ganz einfach: Ich stamme aus New York. Wer dort aufwächst, sammelt doppelt so schnell Lebenserfahrung.

Scarlett trägt ein enges graues Kostüm und duftet nach "Eternity Moment", dem eleganten Calvin-Klein-Parfum, für das sie Werbung macht. Wie das Outfit strahlen ihre gerade Körperhaltung und ihre rauchige Stimme etwas sehr Erwachsenes aus. Sie weiss das. Und denkt gar nicht daran, sich naiver zu geben, als sie ist.

In Ihren Rollen verführen Sie regelmässig Männer, die Ihre Väter sein könnten. Zum Beispiel Bill Murray in "Lost in Translation" ...
Von wegen verführen! In den Filmen schliesse ich Freundschaft mit Männern mittleren Alters, well sie meine Hilfe brauchen. Sie werden nicht damit fertig, dass ihr Körper altert, und können erste Gedanken an ihre Sterblichkeit am besten in Gegenwart einer jungen Frau unterdrücken.

Käme so eine Beziehung für Sie in Frage?
Mensch, wie unappetitlich! (lacht) Ich versuche ja grundsätzlich, offen für alles zu sein, doch eine Liebesgeschichte mit einem dreissig, vierzig Jahre älteren Typen ist für mich undenkbar.

Haben Sie derzeit einen Freund? Setzen Sie Ihren Sexappeal privat auch so offensiv ein wie im Film? Nicht bewusst, weil ich nichts unerotischer finde als den Versuch, sich betont sexy zu geben. Aber ich geniesse meine Weiblichkeit und denke gar nicht daran, meine sexuelle Energie zu unterdrücken. Und sollten dabei ein paar Männer vor Begehren oder Frauen vor Neid aus den Schuhen kippen, hey, dann muss ich wohl etwas richtig machen!

Viele Ihrer Kolleginnen verstecken abseits der Kamera ihre Attraktivität ...
Ich begreife nicht, dass Glamour in manchen Kreisen einen negativen Beigeschmack hat. Ich bin ein hart arbeitendes Mädchen und es ist mein gutes Recht, bei einem Besuch in Italien als Erstes mal die Lager von Gucci und Prada leer zu räumen. Und wenn ich auf eine Preisverleihung oder Party gehe, will ich selbstverständlich das schönste aller Kleider tragen. Denn wer weiss, ob ich solche Momente nochmal erlebe. Eine alte Schachtel werde ich noch früh genug. Das lässt sich nicht mal mit chirurgischer Nachhilfe verhindern.

Womit verbringen Sie Ihre Freizeit?
Ich habe es mit Fotografie als Hobby versucht. Aber das empfand ich rasch als blödes Klischee: Jedes Mädchen will Fotografin werden, wenn das Thema Pferde erledigt ist. Da ich erst kürzlich meinen Führerschein gemacht habe, fahre ich momentan in der Freizeit am liebsten mein erstes Auto, einen BMW Z4. Leider bin ich viel zu vorsichtig und gurke rum wie eine Oma.

Leben Sie immer noch gern in New York?
Manhattan wird immer mein Lieblingsort bleiben, aber in L. A. habe ich gerade ein Apartment gekauft, meine erste eigene Wohnung. Mein Vater ist Architekt und hilft mir, sie umzubauen und einzurichten. Ob wie geplant ein Whirlpool ins Wohnzimmer kommt, ist noch nicht entschieden. Aber das Schlafzimmer ist schon sehr schön. Mit viel Samt und Gemälden nackter Frauen hat es einen Hauch Bordell. (lacht)

Mit den Schattenseiten Hollywoods kommen Sie sicher mühelos klar?
Sie meinen die Orgien und Drogen? Soweit ich gehört habe, ist Opium gerade äusserst angesagt, aber das interessiert mich alles nicht. So richtig süchtig bin ich nur nach exquisitem Käse. Und nach Arbeit. Am Set fühle ich mich nützlicher und wohler als irgendwo sonst auf der Welt. Wenn ich meiner Mutter glauben darf, bin ich schon so ambitioniert auf die Welt gekommen.

Und: irgendwelche Ambitionen, mal selbst einen Film zu drehen?
Klar. Ich will Regie fuhren, und zwar bei einem überlebensgrossen Kinostoff und nicht bei irgendeinem popeligen Kurzfilm. Als 19-Jährige sehe ich meine Lebensaufgabe schliesslich darin, so glücklich wie möglich zu werden.

Scarlett Johansson:
- Geboren: 22. November 1984 in New York. Der Vater ist Däne, die Mutter Polin, ihr Opa der Schriftsteller Ejner Johansson

- Karriere: Erste Rolle mit zehn in "North". Weitere Filme: "Wenn Lucy springt" (1996), "Ghost World" (2000), "Lost in Translation" (2003)

- Privat: Lebt mal bei der Mutter in L.A., mal beim Vater in N.Y.

- Internet: www.scarlettjohansson.org Homepage des Shootingstars - bald auch auf Deutsch

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