Scarletts Moment

Annabelle, 25. August 2004
Von Niklaus Müller

American Beauty

Das Hotelzimmer, in dem Scarlett Johansson sitzt, gleicht ein wenig dem aus ihrem Erfolgsfilm "Lost in Translation": gross, luxuriös, kahl und mit riesigen Fenstern. Nur geben diese nicht die Sicht auf die Skyline von Tokio frei, sondern auf die von New York. Scarlett Johansson wirkt älter als im Film. Sie trägt hochhackige Pumps, eine grauweisse Stoffhose und einen grauen Kaschmirpullover mit V-Ausschnitt. Ihre Haare sind kürzer und blonder als früher, und ihr Gesicht ist dezent, aber sorgfältig geschminkt. Neben ihr steht ein riesiges Poster mit einem Parfumflakon drauf.

Diesen Herbst beginnt Miss Johansson ihre neue, zweijährige Karriere als Model und so genannte Spokesperson für den Duft Eternity Moment von Calvin Klein. Ein Job, der der 19-jährigen Schauspielerin laut Insidern die Summe von zwei Millionen Dollar einbringen soll. Nicht schlecht für einen Teenager, dessen Name vor zwei Jahren noch praktisch unbekannt war.

Scarlett Johansson bittet, Platz zu nehmen. Ihre Stimme klingt rau, und sie redet schnell, ohne viele Pausen zu machen.

annabelle: Können Sie sich noch an Ihr erstes Dufterlebnis erinnern?
Scarlett Johansson: Mein Vater hat, als ich noch klein war, Obsession for Men benutzt. Meine Mutter trug früher oft Angel von Thierry Mugler, aber ich befürchte, ich bin darauf allergisch, weil es so intensiv ist.

Und welche Düfte mögen Sie?
Ich benutze Duftöle wie Lavendel oder Tuberose. Ich liebe den Duft von Blumen.

Was dachten Sie, als Sie - sozusagen aus Berufsgründen - den neuen Calvin-Klein-Duft Eternity Moment zum ersten Mal gerochen haben?
Zuerst mal war ich natürlich froh, dass ich den Duft mochte. Ich finde, Eternity Moment riecht sehr feminin, sehr weiblich. Es ist ein blumiger Duft, aber er ist nicht zu intensiv, mit einer leichten Zitrusnote.

Was bedeutet die Marke Calvin Klein für Sie?
Kühe Eleganz und moderne, schlichte Schnitte. Als ich angefragt wurde, das Gesicht des neuen Dufts zu sein, dachte ich: "Wow, Calvin Klein hat doch all diese Werbe-Ikonen gemacht!" Diese Marke ist so trendy und doch so klassisch. Es war ein riesiges Kompliment, angefragt zu werden.

Haben Sie Calvin Klein denn schon persönlich kennen gelernt?
Ich habe vor kurzem mit ihm gesprochen, beim grossen Galaabend des Costume Institute des Metropolitan Museum hier in New York. Das war spannend: Dieser Mann ist ein richtiger Stilguru. Absolut faszinierend.

Inzwischen hat er ja seine Firma verkauft und sich zurückgezogen.
Ja, Francisco Costa designt jetzt für die Marke und hat mir auch schon tolle Kleider gemacht. Aber der Stil ist immer noch unverwechselbar Calvin Klein.

Stichwort Stil: Welche Menschen haben für Sie Stil?
Marlene Dietrich hatte unglaublich viel. Audrey Hepburn ebenso. Ausserdem bewundere ich Sarah Jessica Parker und Gwen Stefani.

Was tun Sie für Ihr Äusseres?
Ich liebe schöne Kleider. Zu meinen Lieblingsmarken gehören Marc Jacobs, Chanel, Gucci und Calvin Klein. Ich würde nachts nie mit Make-up auf dem Gesicht ins Bett gehen. Und dann habe ich noch diesen Manicure-Tick: Ich maniküre mir ständig die Fingernägel ...

Darf ich mal sehen?
Neiiiin! Der Nagellack splittert schon wieder ab ...

Scarlett Johansson lacht schallend und versteckt ihre Fingernägel, indem sie sich auf ihre Hände setzt. Und entschuldigt sich "Well, I'm a Girl ...". Zum ersten Mal merkt man, dass sie erst 19 Jahre alt ist.

Sie haben bereits als Siebenjährige mit der Schauspielerei angefangen. Hatten Sie nie Angst, Sie könnten so Ihre Kindheit verpassen?
Nun, ich war und bin nirgendwo glücklicher als auf einem Filmset oder einer Bühne. Aber meine Mutter hatte trotzdem viel Wert darauf gelegt, dass ich eine normale Kindheit hatte: Sie wollte, dass ich in eine normale Schule gehe und mit normalen Kindern spiele. Ich wurde auch nie anders behandelt als meine Geschwister.

Klingt, als ob die Schauspielerei nichts Besonderes für Sie war.
Filme zu machen, gehörte zu meinem Alltag - so, wie wenn andere Kinder in ihrer Freizeit ein Instrument spielen. Ich glaube aber fest, dass meine Kindheit durch die Schauspielerei bereichert wurde.


Neben der Schauspielerei und dem Regie führen? Vielleicht könnte ich mich noch für Archäologie begeistern, obwohl mich Geschichte als Schulfach nie interessiert hat.

Wo sehen Sie sich in zwanzig Jahren?
Mit 39 hätte ich gern Kinder, eventuell einen Ehemann und würde gern noch Filme machen, auf die ich stolz sein kann. Jetzt möchte ich so bald wie möglich anfangen, Regie zu führen.

Es gibt nicht sehr viele Regisseurinnen.
Das stimmt nicht ganz. Ich habe ein Buch über Regisseurinnen gelesen und war erstaunt, wie viel es gibt - bloss kennt die niemand, weil sie nicht die grossen Hollywoodfilme machen, sondern eher kleine, unabhängige Projekte. Aber in Hollywood gibt es neben Penny Marshall und Sofia Coppola tatsächlich kaum Regisseurinnen.

Warum? Was glauben Sie?
Weil wir offensichtlich immer noch in einer frauenfeindlichen Welt leben.

Also haben es Frauen in Hollywood schwerer als Männer?
Ja, absolut! Frauen gelten in Hollywood, wenn sie älter werden, als "über den Zenit", als uninteressant. Wahrend Männer offenbar immer besser werden, je älter sie sind. Schauspieler wie Sean Connery können in einem Film mit einer 25-Jährigen ins Bett hüpfen, und keinen Menschen stört das. Wenn es andersrum wäre, würde man das Ganze als obszön abtun.

Konnten Frauen wie Meryl Streep nicht einiges an den gängigen Hollywoodklischees verändern?
Meryl Streep hat eine unglaubliche Karriere gemacht, aber leider gibt es nicht viele wie sie. Vielleicht kämpfen noch Jodie Foster, Diane Lane oder Annette Bening ähnlich erfolgreich gegen den Jugendwahn an. Aber trotzdem: Haben diese Frauen die gleiche Auswahl an Rollen wie junge Schauspielerinnen?" Sicherlich nicht.

Bei solchen Themen kommt Scarlett Johansson in Fahrt: Ihre raue, tiefe Stimme wird lauter, sie fährt sich mit der Hand durch die sorgfältig gestylten Haare, und ihre hellen Augen blitzen auf. Wenn es darum geht, ihre Meinung kundzutun, macht die Schauspielerin offensichtlich keine Kompromisse. Was ihr nicht immer die Sympathie der US-Presse eingebracht hat und ihrer Mutter, die als ihre Managerin arbeitet, schon einige schlaflose Nachte bereitete.

In Klatschblättern kursieren immer wieder Geschichten, die sie mit den verschiedensten Schauspielern in Verbindung bringen: Benicio Del Toro oder Jared Leto wurden zuletzt als heisse Affären gehandelt. Offiziell bezeichnet sich Scarlett Johansson als Single und weigert sich, solche Gerüchte zu kommentieren.

Was schätzen Sie am meisten an Ihrer Berühmtheit?
Sie meinen, ausser tolle Calvin-Klein-Kleider und Düfte zu bekommen? (lacht) Nein, im Ernst: Jetzt bin ich in der Lage, Filmprojekte, die mich interessieren, selbst zu verwirklichen. Ausserdem bekomme ich jetzt Rollenangebote, für die ich vor kurzem als zu wenig "kreditwürdig" gegolten habe. Denn "kreditwürdig" zu sein, also als Kassenmagnet gehandelt zu werden, ist ein riesiges Thema in Hollywood. Jedes Jahr werden Listen veröffentlicht, in denen steht, welche Schauspielerin in welchem Masse "kreditwürdig" ist. Das ist so lächerlich, aber leider bittere Realität.

Und das Gesicht des neuen Calvin-Klein Dufts zu sein, hilft Ihnen bei der Kreditwürdigkeit?
Unbedingt.

Und was sind die Nachteile der Berühmtheit?
Nun, die Leute erkennen mich inzwischen überall. Ich versuche, mein Leben davon nicht beeinträchtigen zu lassen, aber daran muss man sich erst mal gewöhnen. Ich gehe zwar immer noch ins Kino oder zu "Starbucks" und hoffe, ich hätte dort etwas Privatsphäre, aber plötzlich realisiere ich dann, dass alle mich anstarren und mir zuhören. Von Privatsphäre keine Spur mehr. Das ist manchmal schwierig.

Haben Sie Strategien dagegen entwickelt?
Ich sage mir, dass eben alles auch seine Schattenseiten hat. Leute schreiben Sachen über mich, die nicht wahr sind, oder ich werde bei Interviews falsch zitiert. Es werden gemeine Dinge über mich erzählt. Ich muss wohl lernen, damit zu leben. Andererseits freuen sich die Leute über meinen Erfolg und sind sehr nett zu mir. Aber auch da wird man vorsichtiger. Leider.

Scarlett Weltstar
Scarlett Johansson kommt am 22. November 1984 in New York City zur Welt. Sie hat einen älteren Halbbruder, eine ältere Schwester, einen älteren Bruder und einen Zwillingsbruder. Bereits als Siebenjährige beginnt sie mit der Schauspielerei, zuerst in Theaterstücken, später in Spielfilmen. 1998 spielt sie an der Seite von Kristin Scott Thomas und Robert Redford im Film "The Horse Whisperer" die Rolle der Grace und fällt damit erstmals einem grösseren Publikum auf. 2002 dann der grosse Durchbruch: Der Film "Lost in Translation" macht Scarlett Johansson zum Weltstar. Inzwischen reisst sich nicht nur ganz Hollywood um die junge Blondine - sie soll mit Tom Cruise im dritten Teil von "Mission: Impossible" spielen -, sondern auch die Mode- und Kosmetikwelt: Neben dem Calvin-Klein-Duft steht sie auch für die Herbstkampagne von Louis Vuitton unter Vertrag.

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