Das sitzt!

Woman, 27. Januar 2004
Von Sabine Franz

Scarlett Johansson wird seit "Lost in Translation" als heiße Neuentdeckung und Oscar-Anwärterin gehandelt. Dabei ist die 19-jährige schon seit elf Jahren im Geschäft. Bei ihr sitzt jede Geste, jeder Blick

Natürlich dachte die Mutter an "Vom Winde verweht", als sie ihre Tochter Scarlett nannte. Zum Glück gab Melanie Johansson dem drei Minuten jüngeren Zwillingsbruder nicht den Namen Rhett (er heißt Hunter). Sonst wäre das Geschwisterpaar vielleicht zur Lachnummer in Schule und Nachbarschaft geworden - und wer weiß, was sonst noch. Heute studiert Hunter Umweltwirtschaft. Und Scarlett ist Schauspielerin. Was für eine, können wir zurzeit in Sofia Coppolas tragikomischem Hotelfilm "Lost In Translation" sehen. Ein Meisterwerk, das leise daherkommt, aber dafür umso nachhaltiger. Wie die Hauptdarstellerin selbst.

Erst 19 Jahre ist Scarlett alt, drei Jahre jünger als Britney Spears, die dagegen wie ein unbeholfener Teenie auftritt. Wer sie je getroffen hat, sagt, sie hätte eine alte Seele. "Die meinen damit wohl, ich sei intelligent, witzig, charmant, wundervoll - ups, da ist es mit mir durchgegangen", sagt sie. Und gibt zu, dass sie zumindest Auto fährt "wie eine alte Frau".

Seit elf Jahren ist Scarlett Johansson im Geschäft, 14-mal war sie für diverse Filmpreise nominiert, die Hälfte hat sie gewonnen. Vater Karsten ist Däne, von ihm habe sie ihre sarkastische Ader, sagt sie. Ihre Mutter Melanie ist Amerikanerin, sie managt die Tochter und achtet darauf, dass die es mit den Piercings nicht übertreibt. Zwei im linken Ohr, eins im rechten, eins im Bauchnabel - bei Scarletts Mund zog Frau Johansson die Notbremse.

Mit acht steht Scarlett auf der Bühne neben Ethan Hawke, mit zehn spielt sie eine Nebenrolle im selben Film wie Hollywood-Hobbit Elijah Wood, Der ist seit langem ein VIP, sie lieber Schauspielerin. Scarletts Stimme klingt schon damals beinah Whisky-geschwängert, sodass sie bei vielen Castings nach Hause geschickt wird. Die Kleine sei zu wenig Püppchen, heißt es. Heute mag Scarlett Menschen, die ihr sagen, sie hätte eine unverwechselbare Stimme. Nicht solche, die fragen, ob sie heiser und erkältet sei. Und: "Ich hoffe, meine Stimme wird nie mein Markenzeichen, so wie die Zähne bei Julia Roberts."

Nicht immer ist die junge Schauspielerin die erste Wahl der Regisseure, aber die beste. Sie beherrscht die kleinen Gesten, Blicke, die Worte überflüssig machen. Als traumatisiertes Unfallopfer in Robert Redfords "Pferdeflüsterer" springt die 13Jährige für "Star Wars"-Star Natalie Portman ein. In "Ghost World" übernimmt sie statt Leelee Sobieski die Rolle eines orientierungslosen Teenies. Kate Hudson überlässt Scarlett den Part im Historiendrama "Girl With A Pearl Earring" (noch ohne deutschen Starttermin), in dem sie die schweigsame Muse des holländischen Barockmalers Johannes Vermeer spielt. Scarlett sieht aus, als hätte sie bereits dem echten Vermeer Modell gestanden. In Amerika streitet man sich derzeit, wofür sie wohl den Oscar bekommen wird - für diesen Film oder für "Lost In Translation".

Manche Menschen nennen Scarlett Johansson altklug. Ein Kind mit pfirsichzarter Haut, sinnlichen Lippen und großen unschuldigen Augen, das über seine zwei langjährigen Beziehungen sinniert. Ihren ersten festen Freund hatte sie mit 14. "Das Schöne an einer Beziehung ist, dass man Entscheidungen gemeinsam fällt, Kompromisse eingeht. Aber nachdem ich das so lange gemacht habe, hatte ich das Gefühl, mal allein sein zu müssen." Derzeit ist sie Single, ist von ihrer Heimatstadt New York nach Los Angeles gezogen, der Arbeit wegen. Zu Hause aber fühlt sie sich an der Ostküste. In New York seien die Menschen ehrlicher. "In L. A. wollen viele etwas verheimlichen: dass sie Botox spritzen lassen, pleite sind oder mit 18 in einem Porno mitgespielt haben."

Fragt man Scarlett, ob es anders sei, unter der Regie einer Frau zu spielen, sagt sie: "Ich bin mir sicher, wenn ich Sofia Coppola nach einem Tampon fragte, würde sie mich nicht auslachen, einen männlichen Regisseur würde ich das nicht fragen." Und auch die Lolita-Leidenschaft vieler Männer kann Scarlett analysieren. "Männer sehen nur, dass ihre Körper verfallen. Sie brauchen junge, fruchtbare Frauen, die ihnen über die Brücke der Midlife-Crisis helfen." Im Film half sie Billy Bob Thornton, Steve Buscemi, Colin Firth, Bill Murray und John Travolta. Als nächstes steht Dennis Quaid auf der Liste. Was hält Scarlett vom Modell "ältere Frau - jüngerer Mann"? Für sich könne sie sich das nicht vorstellen, und die Menopause sei für Frauen doch so etwas wie ein "innerlicher Tod", damit ginge eine Art Befreiung einher. Sagt eine, die bis dahin noch zirka 30 Jahre Zeit hat.

Eins kann sie kaum erwarten: Regie zu führen. "Ich möchte alle Seiten des Filmemachens erkunden. Dem Film gehört meine ganze Liebe. Ich weiß, ich hab das Zeug dazu, ich hatte nur noch keine Gelegenheit, es zu beweisen." Soll man Scarlett Johansson überheblich schimpfen? Nein, sie hat wahrscheinlich Recht.

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