Oscarlett

SZ-Magazin (Beilage der Süddeutschen Zeitung), 9. Januar 2004
Von Philipp Oehmke

Hier geht es um die größte Schauspielerin seit - sagen wir - Jane Fonda. Sie ist erst 19. Und ein bisschen komisch: Wo kommst du überhaupt her, Scarlett Johansson?

Eine der letzten Wochen des Jahres war angebrochen, es hatte endlich geschneit in New York, zu viel, wie sie fand, da kam Scarlett Johansson schließlich nach Hause. Sie müsse, das hatte dir die Managerin noch gesagt, jetzt eigentlich zur Ruhe kommen. Sie müsse nachdenken über das im letzten Jahr Geschehene. Nur leider sei dafür ja keine Zeit, Scarlett habe Termine. Dieses Jahr ist alles anders, sagt die Managerin. Und da beginnst du zu ahnen, worum es hier geht.

Es wird sich im Folgenden darum drehen müssen, wie es ist, wenn du als eine andere nach Hause kommst als die, die du beim Weggehen warst. Das Jahr hatte Scarlett überall verbracht, wie das Schauspielerinnen tun - in Wohnwagen zwischen aufgebauten Kulissen und in Hotelzimmern mit Blick über Städte, die sie nicht kannte, Venedig, Toronto, Tokio, Detroit, Amsterdam, Luxemburg, Paris, London und so weiter.

Und als Scarlett nach Hause kam zum Jahresende, da hatte sie sofort viel zu tun, das war sonst nicht so gewesen. Am Montag schon sollte sie zur Vormittagstalkshow von ABC, am Dienstag zum CBS-Frühstücksfernsehen, am Freitag dann zur Late Late Show von CBS und am Montag darauf in die berühmte Talkshow von Conan O'Brien. Natürlich kommst du auch als unbekannter - auch noch als ganz unbegabter - Schauspieler in eine dieser Shows, aber in dieser Häufung? Nein, man hatte sie da eingeladen, weil auf den Gängen von CBS oder ABC, in den Redaktionen der Zeitschriften Variety oder Entertainment Weekly die zuständigen Experten sagten, diese Frau - dieses Mädchen! - werde wohl nächstes Jahr bei den Oscars gleich zweimal für die beste Rolle nominiert. Und einer der einflussreichsten Filmkritiker nannte sie "die eindrucksvollste Darstellerin seit sehr langer Zeit, wohl auch, weil sie ein Geheimnis zu haben scheint, das sie nicht preisgeben wird". Da denkst du zunächst: Was redet der denn? Du siehst da kein Geheimnis. Sie ist ja erst 19.

Von vorn, ganz unverstellt betrachtet: Was hatte sie denn getan? Zwei Filme hatte sie gedreht in diesem Jahr, beide nicht gerade Filme jener Art, die Amerikaner Blockbuster nennen, nicht Filme, in denen echte Stars - du denkst an Uma Thurman, Gwyneth Paltrow oder Nicole Kidman! - mitspielen würden. Der eine Film war von Sofia Coppola, das ist immerhin die Tochter von Francis Ford, und der andere von Peter Webber, ein Debütant. Beide sind keine großen Nummern.

Und trotzdem erinnerst du dich an Zeitungsüberschriften aus diesem Jahr, viele von denen lauteten Scarlett Fever zum Beispiel, und da war dann meist ihr Foto drunter, das fast nur aus Lippen bestand, und wiederum darunter stand das Wort "Bombshell". Hat irgendjemand dieses Jahr eine Überschrift wie "Uma Fever" oder "Gwyneth Mania" gelesen? "Kidman, du Bombshell"? Da wirst du stutzig. Scarlett, was ist passiert in dem Jahr, in dem du unterwegs warst?

Zunächst, in Coppolas Film Lost in Translation, der diese Woche in die deutschen Kinos kommt, ist Scarlett Mitte zwanzig, schon verheiratet, und in einem Hotel in Tokio gestrandet. Dort trifft sie auf einen abgehalfterten amerikanischen Filmstar, der in Japan Werbung für Whiskey macht, und beginnt eine Liebesbeziehung mit ihm, die schön ist, die verzweifelt ist, die nie körperlich wird, nie den Schmutz einer Affäre erfährt. In dem anderen Film, dem von Webber, Girl With a Pearl Earring, spielt Scarlett eine Hausangestellte des holländischen Malers Johannes Vermeer, dessen Muse, Modell und wohl auch Geliebte sie wird.

Beides sind keine Teeniestar-Rollen, das sind eigentlich Rollen, an denen sich Kolleginnen wie Jodie Fester nach zwanzig Jahren Karriere versuchen, wenn sie, wie man so sagt, ins Charakterfach wechseln wollen. Scarlett ist eigentlich zu jung für diese Rollen. Warum spielt sie nicht, was andere in ihrem Alter spielen?

Was spielen denn 18-Jährige überhaupt? Die verblüffende Antwort ist: Es gibt kaum 18-jährige Filmstars. Filmstars sind generell älter. Elijah Wood würde vielleicht noch zählen, aber der spielt inzwischen Fabelwesen in Fantasiesagen. Und Scarlett sagt tatsächlich: "Als vor ein paar Jahren nur Highschool-Komödien gedreht wurden, habe ich lieber gewartet. Nicht gespielt. Ich wusste, es würden irgendwann bessere Angebote kommen." Dann rief Sofia Coppola an: Die müsste doch Scarlett zu jung finden! Sie hatte eine Ehefrau zu besetzen, kein Girl - es gibt doch Schauspielerinnen, die sind Mitte zwanzig, die könnten das spielen. Doch Coppola wollte unbedingt Scarlett haben, sie habe, wie sie später sagen wird, die Rolle für Scarlett geschrieben.

Sofia Coppola wartet jetzt in einem Hotelzimmer in Wien. Sie ist müde, wie meistens. Und hat natürlich auch keine Lust, Fragen zu beantworten, wie immer. Deshalb musst du dir von ihr Jungregisseursweisheiten anhören, wie: Alles, was sie zu sagen habe, sei im Film. Alles, was es über Scarlett zu wissen gebe, sehe man im Film.

"Aber, Sofia, was haben denn alle mit Scarlett Johansson?"

"Ist doch klar. Sie hat eine Coolness, eine Subtilität, die dich umhaut. Sie kommt dir vor, als hätte sie eine Menge gesehen, und das hat eine Tiefe, die ich wirklich gern mag. Und worauf es ankommt: Sie kann ein Gefühl rüberbringen, ohne viel zu sagen." Coppola redet leise, ihr Gesicht bleibt ausdruckslos. Sie ist wirklich sehr dünn. Ein Amerikaner im Vorzimmer der Hotelsuite sagt, Sofia und Scarlett, das seien Gegensätze, Scarlett, das sei jemand, aus der sickert das Gefühl. Sofia aber saugt alles ein. Dann sagt Sofia das Entscheidende: "Ich habe Scarlett nicht gecastet. Ich hatte ihr Bild im Kopf, als ich den Film schrieb. Ohne Scarlett hätte es den Film nicht gegeben."

Jetzt kannst du Wien verlassen. Damit lässt sich weiterarbeiten. Das Bild im Kopf.

Vielleicht musst du dir Scarletts Looks - wie man sagt - angucken, über das Bild reden, das Coppola im Kopf hatte. Hübsch, sagen die Filmkritiker - die meist selbst hässlich sind, wie Scarlett wiederum neulich anmerkte -, sei sie eigentlich nicht. Nichts passe zusammen, die Nase irgendwie zu groß, wie aus Ton gehauen, die Augen gleich Magnetknöpfen auf einer Pinnwand, die Lippen zu dick. Zu ihren Lippen fällt übrigens jedem Mann eine dumpfe Metapher ein und in einer Zeitschrift stand, diese Lippen seien unanständig. Ihre Stimme! Sie klingt, als habe sie furchtbar Halsweh, behaupten die Kritiker und mögen diesen Vergleich. Sie finden ihn lustig, er steht überall. Von Scarlett weiß man, dass sie das kaum noch hören kann. Das kam doch früher nicht vor. Auch daran merkst du, dass du auf einmal ein Star bist. Scarlett, wie kam es noch mal dazu, dass du ein Star wurdest?

Zunächst war Scarlett streng genommen schon immer eine Art Star. Robert Redford hatte sie schon vor fünf Jahren für eine Nebenrolle in seinem Pferdeflüsterer-Film ausgesucht, da war sie 13. Später, mit 16, hatte sie einen Auftritt in einem Film der Coen-Brüder, in dem sie Oralsex im Auto spielen müsste. Noch viel früher hat sie in New York Theater gespielt, zusammen mit Ethan Hawke, sie war ein Kinderstar, zuerst im Theater, dann im Kino. Sie ging zu Castings. Ihre Mutter trieb sie und eigentlich hätte ihr Scheitern ausgemacht gewesen sein müssen, denn auf das Wort Kinderstar folgt ja meist im nächsten Satz das Wort Alkoholsucht oder das Wort Klinik oder Kleptomanie.

Scarlett erinnert sich, wie sie im Flugzeug einmal neben ihrem späterem Co-Star aus dem Film Just Cause saß, Lawrence Fishburne. Sie war neun und Fishburne fragte, ob sie eine Schauspielerin oder ein Star werden wolle. Scarlett sagte, sie wolle beides. Aber Fishburne antwortete ihr, sie werde sich entscheiden müssen. Heute findet Scarlett, dass das ein guter Rat war. Sie hat sich entschieden. Dann wird sie eben Star. Schauspielern kann sie ja schon.

Über ihre Schauspielerei wird gesagt, es gelinge der Kamera nicht, Scarlett beim Schauspielen zu erwischen. Sie ist einfach da. Sie will wenig Dialog, kein Theater, lieber die kleinen Gesten. Sie - das sagt sie in fast jedem Interview - würde zum Beispiel nie eine Cheerleaderin spielen. Scarlett findet ihr Spielen zu subtil für solche Rollen. Sie ist jünger als Britney Spears, findet diese aber kindisch. Oft benutzt sie das Wort "mature" - erwachsen -, doch du willst es ihr aus dem Mund fischen und lieber durch "precocious" ersetzen. Das heißt frühreif, sogar altklug. Billy Bob Thornton, der mit Frauen umzugehen weiß - er war immerhin mit Angelina Jolie verheiratet -, gestand, er und die Regisseure, die Coen-Brüder, hätten sich nach den Dreharbeiten zu The Man Who Wasn't There vor Scarlett gefürchtet: "Wir hatten Angst davor, wie vernünftig sie war." Sie war damals 16.

Sie sei vor der Kamera, sagt ein Filmkritiker von Newsweek, wie ein Nomen ohne Adjektiv. Auch wenn das nach großem Unfug klingt, sagt es dir doch etwas darüber, wie gestandene Kritiker versuchen, Scarletts Arbeit, tatsächlich ihre Arbeit - und erst danach ihr Aussehen und gleich gar nicht ihre Verabredung vom letzten Samstag! - zu beschreiben. Und wie sie straucheln! Wann hat's das zuletzt in Hollywood gegeben? Hat man schon mal jemanden beschreiben hören, was an der Darstellungskunst von, sagen wir, Jennifer Lopez, gut, besonders, herausragend ist? Nein, weil es gleichgültig ist. Vielleicht wissen ihre Fans weiter. Die treffen sich in Chaträumen im Internet, doch in diesen letzten Tagen des Jahres ist die Stimmung schlecht. Scarlett soll Tobey Maguire einen kleinen Jungen genannt haben, einen kleinen hässlichen Jungen. Selbst die Fans finden das unreif von Scarlett, allerdings kann keiner das genaue Zitat beibringen. Du kennst die Stars eben doch nicht richtig als Fan. Aber Scarlett tut immer so reif. Robert Redford hat ja gesagt, dass sie mit 13 wie dreißig wirkte. Und ein Fan mit dem Pseudonym Waterside JC schreibt: "Eigentlich habe ich auch den Eindruck, dass sie ziemlich erwachsen ist. Wenn ich nur wüsste, warum sie so etwas sagt! Und ob sie jetzt reif ist oder nicht!" Vielleicht wäre diesem Fan geholfen mit der Auskunft von Scarletts Mutter. Ihr zufolge war ihre Tochter ein blonder Engel, der allerdings eine so tiefe Stimme hatte, dass alle erschraken, wenn sie begann zu sprechen. Also sprach sie wenig. Sie beschwor die Mutter, sie nicht mehr bei diesen Cornflakes-Castings anzumelden, wo man sie auslachte.

Mit drei schon, erfährst du weiter von der Mutter, habe Scarlett die Wände ihres Zimmers mit Zitaten und Sprichwörtern tapeziert. Mit vier habe sie sich selbst das Lesen beigebracht und darauf bestanden, jedem Bettler eine Münze zuwerfen zu dürfen. Ihre erste ernsthafte Beziehung hatte sie mit 14 und heute, fünf Jahre später, sieht sie sich in der Lage, den Seelenzustand ihrer Regisseure öffentlich zu analysieren, wie den der fast 15 Jahre älteren Sofia Coppola. Scarlett sagte: "Ganz offensichtlich war Lost In Translation ein sehr persönlicher, ein therapeutischer Film für Sofia. Ich habe mich auch schon mal ziemlich verloren gefühlt. Kein Problem." Scarlett, was ist passiert in diesem Jahr? Oder hast du immer so geredet? Liegt es an Kalifornien?

Aus Kalifornien kam sie gerade her, in dieser Dezemberwoche, als sie nach Hause reiste. Sie hatte sich eine Wohnung in Malibu besorgt und ein BMW Cabrio dazugestellt. Sie wohnt jetzt in der Nähe von Pamela Anderson und geht auf Partys, wo 19-Jährige Kokain schnupfen. Scarlett schaut auf solchen Partys lieber fern, sie finde das Kokain unattraktiv, in New York nehme das keiner mehr, sagte sie, die 19-Jährige. Überhaupt Kalifornien, die Menschen würden dort dafür sterben, miteinander zu reden. Immer reden. Selbst im Stau gucken sie zu dir vom Fahrersitz rüber und versuchen, Kontakt aufzunehmen. Zu Hause in New York will keiner mit irgendjemandem sprechen, sagt Scarlett.

Sie ist jetzt nach Hause gekommen. Sie war lange nicht mehr da. Sie merkt, sie hat sich getäuscht.

Es kommen ja inzwischen englische Journalisten mittleren Alters zu ihr nach New York geflogen. Das hat es früher auch nicht gegeben. Die sagen, sie wollen mit ihr einkaufen gehen, zum Beispiel, etwas erleben mit ihr, um sie kennen zu lernen. Die können mich kennen lernen, findet Scarlett, und damit sie nicht so viel sprechen muss, überredet sie einen englischen Journalisten, alles Mögliche zu erwerben, Platten, die er nicht kennt, Stofftiere, die er nicht mag, Kleidung, die ihm nicht passt. Da steht Scarlett dann mit denen im East Village und der englische Journalist wird später schreiben, wie betörend Scarlett sei. Für 400 Pfund habe er Dinge gekauft, die er gar nicht braucht! Die er gar nicht mit nach England nehmen kann. Alles wegen Scarlett. Aber sie schafft das ja auch in all ihren Filmen, tröstet sich der Engländer. Das seien immer ältere Männer, mit denen sie wie auch immer geartete erotische Verhältnisse hat, Männer, die sie verzaubert, die ihr Vater sein könnten: Bill Murray in Lost In Translation, Colin Firth in Girl With a Pearl Earring. Und jetzt bald John Travolta, mit dem sie gerade gedreht hat! Scarlett sagt dazu nichts. Sie weiß, dass sie dich nervös macht, wenn sie nichts sagt. Sie macht dich glauben, sie habe ein Geheimnis. Doch am Ende weißt du, es ist wieder nur ein Jahr vergangen. Ein Jahr, an dessen Ende du nicht bist, die du warst. Bis nächstes Jahr, Scarlett!

zugesandt von Harald, DANKE!

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